Jesuit Volunteer Luis Lütkehellweg

lebt für ein FSJ seit Anfang August in Darjeeling, Indien

Meine Abneigung gegen Patriotismus vs. Independence Day

Indische Unabhängigkeit

Zwar liegt der Independence Day schon ein bisschen zurück, aber ich möchte es nicht versäumen, meine Erfahrungen mit diesem für viele Inder doch wichtigen Tag zu schildern.
Am 15. August des Jahres 1947 trat der Mountbattenplan in Kraft, Indien und Pakistan wurden zwei eigenständige Staaten. Dieser Plan war eine Folge der friedlichen Revolution in Indien, die von Mahatma Gandhi geführt wurde.
Soweit so gut und bestimmt auch ein Grund, Freiheit zu feiern, doch wer mich kennt, kann sich denken, dass ich mich mit Nationalfeiertagen generell schwer tue. Und die Art, wie Freiheit und Nation (wenn man das in Indien überhaupt so nennen kann, da das und die Menschen in sich doch grundverschieden in Sprachen, Religionen und Konfessionen, Lebensweisen, Essgewohnheiten, … – kurz: Kultur ist), ließ diese, man kann fast Abneigung gegenüber Nationalfeiertagen, nicht schwinden.
In den dreieinhalb Wochen, die ich mittlerweile in diesem Land verbracht habe, vor allem aber in den vergangenen zwei Wochen, die ich in der Schule verbracht habe, habe ich gemerkt, was für einen Stellenwert in diesem Land (beziehungsweise zunächst einmal in dieser Region, mehr habe ich von Indien ja noch nicht gesehen) das Militär hat. Weil Indien aber die truppenmäßig zweitgrößte Armee der Welt unterhält, gehe ich davon aus, dass dies nicht nur auf das nördliche Westbengalen zutrifft.
Und so hatte auch der Independence Day für mich einen ziemlich militärischen Charakter, den hier, um eine Aussicht auf den nächsten Artikel zu geben, die Schule hier aber generell hat.

Ehrengäste waren die Eltern eines gefallenen Soldaten


Am Independence Day wurde das allerdings noch dadurch verstärkt, dass im letzten Jahr der erste Soldat, der hier in Sittong heimisch war, starb. Er fiel in Kashmir Milizen zum Opfer. Und so entschied Fr. Henry, seine Eltern zu den Feierlichkeiten in der Infant Jesus School einzuladen.
Nach einer Messe, nicht anlässlich des Unabhängigkeitstages, sondern anlässlich Mariä Himmelfahrt, begannen die Feierlichkeiten um 10 Uhr mit dem hissen der Flagge. Der Vater des Soldaten durfte sie hissen. Wie jeden Morgen standen die Schüler in Reihe und Glied und nach einem „Befehl“ wurde die Nationalhymne „Jana Gana Mana“ gesungen. Von den meisten Schülern mit mehr Inbrunst, als man es, komplett kritiklos und nur vergleichend gesehen, von unseren Nationalspielern behaupten kann.

Der Akt des Fahnehissens gehört zur Zeremonie am Unabhänigkeitstag


Danach ging der Teil los, den ich schon im letzten Artikel kurz erwähnt habe: Es fanden Sing- und Tanzwettbewerbe zwischen den vier Häusern statt. Diese mussten natürlich auch bewertet werden und ich als neuer und damit Unparteiischer wurde zu einem der drei Jurymitglieder.

Zwei Klassenräume prall gefüllt mit Eltern

Wettbewerbe zum Independence Day

Die Wettbewerbe gliederten sich in die Kategorien Solosingen, Gruppensingen und Gruppentanzen. Da die meisten gesungenen Lieder keine englischen waren, habe ich herzlich wenig verstanden. Jedoch hatte Virgil mir ja schon am Tag davor ein bisschen etwas, was er aufgeschnappt hat, übersetzt. Im Kopf blieb mir davon ein Lied, was sinngemäß „Wir sind Kinder aber wollen alles für Indien geben. Auch unser Leben. Wir lassen uns abschießen für Indien.“ lautete.

In fast jedem Gruppensong spielte die indische Fahne eine Rolle

Doch auch im Zwischenprogramm sangen die Kleinsten etwas, und in der dazugehörigen Choreographie waren Gesten, die ich deutlich dem Töten und Sterben zuordne, ein wiederkehrender Bestandteil. Ich habe mich bei diesem Lied gefragt, was die Eltern des gefallenen Soldaten darüber denken, wenn sie diese Vorführung sehen.

Der erwähnte Tanz. Die Gesten kann man auf dem Bild vielleicht erahnen

Eine Antwort auf diese Frage sollte ich später zumindest vom Vater bekommen, während die Mutter in Tränen auf ihrem Stuhl saß. Ihr Mann hielt eines der Schlusswörter und Fr. Henry erzählte mir später, dass er sagte, dass er jedes Jahr diesen Independence Day gefeiert hat, dieser aber ein besonderer für ihn sei, an dem er einen besonderen Stolz für seinen Sohn und seine Nation spüre. Für mich ist das unverständlich, aber es klang ehrlich. Den beiden wurde noch ihre Achtung von der Schule durch einen Gedenkplakette für Zuhause und durch Garments von den versammelten Menschen ausgedrückt. Das ist hier wohl so üblich, dass man Menschen, denen man seine Ehre ausdrückt, eine Art Schal aus ganz leichtem Stoff umhängt.

Vor allem die Tänze haben mir gut gefallen


Trotz dieses Patriotismus und Nationalstolz, der mich an diesem Tag, man kann fast sagen schockiert hat, was aber natürlich auch mit der deutschen Geschichte zusammenhängt, konnte ich die meisten Vorführungen echt genießen. Lehrer und Schüler haben sich viel Mühe gegeben, etwas einzustudieren und die Qualität war größtenteils eine ganz andere als man es von Gesang und Tanz an deutschen Grundschulen kennt. Dabei erinnere ich mich sowohl an meine Vergangenheit, als auch an die meiner Brüder. Vor allem die Tänze, die traditionelle Nepalitänze waren, waren schön anzusehen.

Ein Foto der Gewinnergruppe


Im Anschluss gab es noch ein Mittagessen für alle Lehrer bei uns Zuhause und für den nächsten Tag wurde ein Brückentag ausgesprochen, weil die Feierlichkeiten zum Independence Day so gut gelaufen sind.
Es war eine Erfahrung, die mir Eindrücke in die Menschen dieses Landes eröffnet hat. Die Menschen sind unglaublich stolz auf ihr Land und auf ihre Unabhängigkeit und das wird den Kindern zumindest hier schon von klein auf beigebracht. Vor allem bei der jetzigen politischen Lage in Indien ist das aus meiner Sicht als fraglich zu beurteilen. Und mit der politischen Lage meine ich nicht die Unruhen in Kashmir, die seit Jahren eher Alltag sind, sondern die politische Führung Indiens, die radikal hinduistisch zu verordnen ist und damit ein Äquivalent zur AfD bildet.


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